Gesamtsporenzählung oder Kultivierung? Die richtige Methode für Ihre Fragestellung
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„Ohne Kultur keine Aussage.“ – „Sie zählen doch nur tote Sporen.“ Wer Luftproben auf Schimmelpilze untersuchen lässt, hört diese Sätze früher oder später. Dahinter stehen zwei Laborverfahren, die unterschiedliche Fragen beantworten und deshalb unterschiedliche Zahlen liefern: Sporen/m³ und KBE/m³.
Dieser Beitrag stellt beide Verfahren nebeneinander: die Gesamtsporenzählung nach DIN ISO 16000-20 und die Kultivierung nach DIN ISO 16000-17/-18. Er zeigt, wie sie arbeiten, wo ihre Grenzen liegen, was UBA-Leitfaden und Normen dazu sagen – und welche Methode zu welcher Fragestellung passt.
Kurz gesagt: Die Gesamtsporenzählung zählt alle Sporen unter dem Mikroskop, lebende wie tote, und liefert innerhalb weniger Tage Sporen/m³ je Sporentyp. Die Kultivierung züchtet lebensfähige Sporen auf Nährböden an und liefert nach etwa einer Woche KBE/m³ mit Bestimmung bis zur Art. Der UBA-Leitfaden führt beide Verfahren als anerkannte Regeln der Technik und gibt für beide eine Bewertungshilfe. Welche Methode passt, entscheidet die Fragestellung – nicht das Labor.
Zwei Fragen, zwei Methoden
Am Anfang jeder Luftprobe steht eine Frage. Entweder: Wie viele Schimmelpilzsporen sind in dieser Luft, und welche Typen? Oder: Welche lebensfähigen Arten wachsen daraus an?
Die erste Frage beantwortet die Gesamtsporenzählung – auch Partikelsammlung oder Sporenfalle genannt. Sporen werden auf einem Objektträger gesammelt und mikroskopisch gezählt; das Ergebnis lautet Sporen/m³. Die zweite Frage beantwortet die Kultivierung, die klassische Luftkeimsammlung: Sporen werden auf Nährböden gesammelt und bebrütet; das Ergebnis lautet koloniebildende Einheiten je Kubikmeter, kurz KBE/m³.
Die beiden Zahlen lassen sich nicht ineinander umrechnen. Eine Kolonie kann aus einer einzelnen Spore oder aus einem Sporenaggregat entstehen, und ein großer Teil der Sporen bildet auf dem Nährboden gar keine Kolonie.
Der UBA-Leitfaden sagt es deutlich: Es gibt kein Verfahren, das für alle Fragestellungen anwendbar ist. Die Untersuchungsstrategie muss zum Untersuchungsziel passen, und der Sachverständige soll vorab darlegen, welche Aussagen die gewählte Methode erlaubt.
Gesamtsporenzählung: zählen statt anzüchten
So läuft die Analyse
Eine Pumpe saugt eine definierte Luftmenge durch eine Probenkassette. Im Inneren trifft der Luftstrom durch eine Schlitzdüse auf einen beschichteten Objektträger, und die Sporen bleiben in der Haftschicht hängen – Schlitzdüsenimpaktion nach DIN ISO 16000-20. Im Labor wird die Spur angefärbt und unter dem Mikroskop ausgewertet.
Gezählt wird alles, was morphologisch als Pilzspore erkennbar ist, dazu Myzelstücke. Das Ergebnis wird je Sporentyp in Sporen/m³ angegeben und mit einer zeitnah genommenen Außenluftprobe verglichen.
Stärken
- Vollständiges Bild. Erfasst werden kultivierbare und nicht kultivierbare Sporen, lebende wie abgestorbene. Das ist gesundheitlich relevant: Nach DIN EN ISO 16000-19 unterscheiden sich nicht kultivierbare Sporen in ihrer allergenen und toxischen Wirkung nicht von kultivierbaren.
- Feuchteindikatoren, die auf Nährböden fehlen. Der UBA-Leitfaden nennt Stachybotrys chartarum als Beispiel: oft nicht durch Kultivierung, aber über die Gesamtsporenzahl nachweisbar.
- Tempo. Die zeitaufwändige Bebrütung entfällt; das Ergebnis liegt in der Regel innerhalb weniger Tage vor.
- Sanierungskontrolle nach Biozideinsatz. Abgetötete Sporen bleiben allergen. Nur die Gesamtsporenzahl zeigt, ob sie nach dem Biozid auch entfernt wurden – der UBA-Leitfaden hebt genau diesen Fall hervor.
Grenzen
- Keine Aussage zur Lebensfähigkeit. Lebende und tote Sporen sehen unter dem Mikroskop gleich aus.
- Bestimmung nur bis zur Gattung oder Gruppe. Viele kleine, runde Sporen sind morphologisch nicht zu unterscheiden. Aspergillus und Penicillium werden deshalb als ein Sporentyp berichtet – so arbeitet auch die Bewertungshilfe des UBA-Leitfadens (Tabelle 10). Eine Artbestimmung, etwa Aspergillus versicolor gegen Aspergillus fumigatus, ist nicht möglich.
- Bakterien werden nicht erfasst.
- Erfahrung entscheidet. Die mikroskopische Auswertung braucht geschulte Augen und Qualitätssicherung; der UBA-Leitfaden verweist auf Ringversuche zur Gesamtsporenzahlbestimmung.
Kultivierung: was lebt und wächst
So läuft die Analyse
Bei der Luftkeimsammlung wird die Luft entweder direkt auf Nährbodenplatten geleitet (Impaktion, DIN ISO 16000-18) oder über einen Filter gesammelt, der anschließend ausgewaschen und ausplattiert wird (Filtration, DIN ISO 16000-16). Nach DIN ISO 16000-17 kommen zwei Nährböden zum Einsatz, DG18-Agar und Malzextrakt-Agar, bebrütet bei 25 ± 3 °C.
Die Bebrütung dauert in der Regel etwa eine Woche, mit Zwischenauszählungen, damit schnell wachsende Kolonien die langsamen nicht überdecken. Am Ende werden die Kolonien gezählt und bestimmt; das Ergebnis lautet KBE/m³ je Art oder Gattung. Für besondere Fragen, etwa Aspergillus fumigatus, wird zusätzlich bei 36 °C oder 45 °C bebrütet.
Stärken
- Bestimmung bis zur Art. Aus einer Kolonie lässt sich die Art bestimmen – wichtig, wenn es um einzelne Feuchteindikatoren wie Aspergillus versicolor oder um gesundheitlich relevante Arten wie Aspergillus fumigatus geht.
- Nachweis der Lebensfähigkeit. Nur was wächst, wird gezählt. Bei der Frage nach aktivem Wachstum ist das ein eigener Informationswert.
- Breite Erfahrungsbasis. Die Kultivierung ist laut UBA-Leitfaden die am weitesten verbreitete Methode; die Bewertungshilfe in Tabelle 9 des Leitfadens beruht auf KBE/m³.
Grenzen
- Dauer. Das Ergebnis kommt frühestens nach der Bebrütung – bei Freimessungen mit stehender Abschottung ein echter Kostenfaktor.
- Nur lebensfähige Sporen. Sporen, die durch den Sammelstress austrocknen oder absterben oder auf dem Nährboden nicht wachsen, fehlen im Ergebnis. Der UBA-Leitfaden: Je nach Sporenspektrum werden kulturell „deutlich weniger Schimmelpilze nachgewiesen als wirklich vorhanden sind“; einige typische Feuchteindikatoren sind generell schlecht kultivierbar.
- Selektivität des Nährbodens. DG18 begünstigt trockenheitsliebende Arten, Malzextrakt andere – deshalb zwei Platten je Probe. Was auf keinem wächst, bleibt unsichtbar.
- Statistik. Eine belastbare Zählung braucht laut UBA-Leitfaden mindestens zehn Kolonien je Platte; niedrige Konzentrationen seltener Arten sind damit schwer zu quantifizieren.
Welche Methode für welche Fragestellung?
Die Übersicht ordnet typische Fragestellungen den Verfahren zu; sie ersetzt keine Untersuchungsstrategie im Einzelfall.
| Fragestellung | Gesamtsporenzählung (Sporen/m³) | Kultivierung (KBE/m³) | Worauf es ankommt |
|---|---|---|---|
| Erstverdacht: Gibt es eine Quelle im Raum? | Geeignet – schnell, erfasst auch schlecht kultivierbare Feuchteindikatoren | Geeignet – Artbestimmung möglich, Risiko der Unterschätzung | Ortsbegehung zuerst; immer mit Außenluft oder Referenzraum; Doppelbestimmung |
| Freimessung nach Sanierung | Geeignet – zeigt auch abgetötete Sporen; nach Biozideinsatz vom UBA-Leitfaden hervorgehoben | Geeignet – zeigt Lebensfähigkeit, blind für tote Sporen | UBA-Leitfaden (Kap. 6.6) nennt beide Verfahren; Ziel ist Hintergrundniveau, nicht „sporenfrei“ |
| Beweissicherung, Streitfall | Geeignet – genormt; Präparat und Bilder nachprüfbar | Geeignet – genormt; Artnachweis, Isolate nachbestimmbar | Akkreditiertes Labor, Protokoll, Methode benennen; bei Bedarf beide parallel |
| Allergie- oder Gesundheitsverdacht | Geeignet – tote Sporen wirken allergen; Gesamtbelastung sichtbar | Geeignet für bestimmte Arten (z. B. A. fumigatus, Bebrütung bei 36–45 °C) | Keine Risikoabschätzung aus Messwerten möglich; ärztliche Abklärung |
| Befall im Material, Materialfeuchte | Nur indirekt – Luftprobe kann trotz Befall unauffällig sein | Nur indirekt – gleiches Problem | Materialprobe: Mikroskopie und Kultivierung parallel (DIN ISO 16000-21) |
Zwei Regeln gelten für beide Verfahren. Erstens: Ohne Außenluftprobe oder Referenzraum ist keine Bewertung möglich. Zweitens: Luftproben sind Momentaufnahmen mit hoher Streuung – der UBA-Leitfaden empfiehlt mehrere Messungen, etwa zwei Volumina in Doppelbestimmung.
Was die Regelwerke sagen
UBA-Leitfaden (2017, aktualisiert 2024)
Der Leitfaden führt beide Verfahren in seiner Übersicht der anerkannten Regeln der Technik: die Messung kultivierbarer Schimmelpilze in der Luft nach DIN ISO 16000-16 bis -18 und die Gesamtsporenzahl nach DIN ISO 16000-20. Die Gesamtsporenzählung begründet er damit, dass in der Regel nur ein Teil der Sporen kultivierbar ist und auch nicht kultivierbare Sporen allergisch und toxisch wirken; sie sei deshalb „in vielen Fällen sinnvoll“. Für beide Verfahren gibt es eine eigene Bewertungshilfe – Tabelle 9 für KBE/m³, Tabelle 10 für Sporen/m³ –, und für die Kontrolle nach der Sanierung nennt der Leitfaden ausdrücklich das eine oder das andere Verfahren.
Eine Pflicht, beide Methoden bei Luftproben zu kombinieren, enthält der Leitfaden nicht. Er beschreibt sie als Verfahren mit unterschiedlicher Aussage und überlässt die Wahl der Fragestellung. Für Materialproben empfiehlt er dagegen ausdrücklich, Mikroskopie und Kultivierung parallel einzusetzen – mehr zur Probenahme nach dem Leitfaden im Beitrag UBA-Schimmelleitfaden 2024: Probenahme.
DIN EN ISO 16000-19, DIN ISO 16000-20 und -17
Die Probenahmestrategie in DIN EN ISO 16000-19 hält fest, dass nicht kultivierbare Sporen in ihrer allergenen und toxischen Wirkung den kultivierbaren gleichen und dass „je nach Fragestellung“ unterschiedliche Verfahren eingesetzt werden. Vor jeder Messung steht die Begehung durch eine sachkundige Person.
Teil 20 beschreibt die Gesamtsporenzählung: Impaktion auf eine Haftfläche, mikroskopische Zählung, keine Kultivierung – die Gesamtsporenzahl „einschließlich kultivierbarer und nicht kultivierbarer Sporen“. Teil 17 regelt die Kultivierung auf DG18- und Malzextrakt-Agar bei 25 ± 3 °C.
VDI 4300 Blatt 10 und WTA 4-12
VDI 4300 Blatt 10 (2008) war die deutsche Messstrategie für Schimmelpilze und wird in älteren Gutachten oft zitiert. Die Richtlinie ist inzwischen zurückgezogen; ihre Inhalte sind in DIN EN ISO 16000-19 und DIN ISO 16000-20 eingeflossen, und der UBA-Leitfaden spricht von der „früheren VDI 4300 Blatt 10“. Aktuelle Referenz für die Strategie ist DIN EN ISO 16000-19.
Für die Erfolgskontrolle nach Sanierungen gilt außerdem das WTA-Merkblatt 4-12-21/D. Das Vorgehen beschreibt der Beitrag Freimessung nach Schimmelsanierung.
AirTrap XL und Sporecyte: Gesamtsporenzählung in der Praxis
AirTrap XL ist eine Sporenfallen-Kassette für die Gesamtsporenzählung: Schlitzdüsenimpaktion auf einen beschichteten Objektträger, das Prinzip der DIN ISO 16000-20. Die Probenahme läuft mit der Sporecyte-Pumpe bei 15 l/min über 5 Minuten, also 75 Liter je Probe. Mehr dazu: Was ist AirTrap XL.
Die Objektträger werden bei Apacor in Wokingham gescannt und im ISO/IEC 17025-akkreditierten Sporecyte-Labor ausgewertet. Die Sporenbestimmung erfolgt KI-gestützt; jedes Ergebnis wird von einer Fachperson geprüft, bevor der Bericht freigegeben wird. Der Bericht kommt innerhalb von 48 Stunden nach Laboreingang: Sporen/m³ je Gattung, jede Innenraumprobe im Vergleich zur Außenluft, eine Einstufung der Erhöhung und Bilder vom Objektträger – mehr dazu unter Was ist Sporecyte und in Laboranalyse.
Ebenso wichtig ist, was das Verfahren nicht leistet:
- Keine KBE, keine Aussage zur Lebensfähigkeit, keine Bestimmung bis zur Art. Aspergillus und Penicillium werden zusammen berichtet.
- Bei 75 Litern entspricht eine einzelne gezählte Spore rechnerisch rund 13 Sporen/m³. Seltene Typen mit schlechter Flugfähigkeit liegen damit nahe der Nachweisgrenze. Da laut UBA-Leitfaden schon einzelne Sporen solcher Typen ein erster Hinweis sein können, lohnt sich die Doppelbestimmung.
- Ohne Außenluftprobe gibt es keine Interpretation.
- Der Bericht unterstützt die Bewertung durch eine sachkundige Person, er ersetzt sie nicht. Wie Sie die Zahlen lesen, zeigt Schimmel-Laborbericht verstehen.
Braucht Ihre Fragestellung eine Artbestimmung oder den Nachweis lebensfähiger Sporen, ist die Kultivierung das richtige Verfahren – zusätzlich oder statt der Gesamtsporenzählung. Beide Probenahmen lassen sich am selben Termin am selben Messpunkt durchführen.
Häufige Fragen zu Gesamtsporenzählung und Kultivierung
„Sie zählen doch nur tote Sporen“ – was sagt das Ergebnis dann aus?
Gezählt werden alle Sporen, lebende und tote. Für Allergie- und Reizwirkung ist das der relevante Wert: Nach UBA-Leitfaden und DIN EN ISO 16000-19 wirken nicht kultivierbare Sporen genauso. Für die Frage nach einer Quelle im Raum zählen der Vergleich mit der Außenluft und das Sporenspektrum, nicht die Lebensfähigkeit. Was die Gesamtsporenzahl nicht kann: sagen, ob etwas aktiv wächst – dafür braucht es Kultivierung oder eine Materialprobe.
„Ohne Kultur keine Aussage“ – stimmt das?
Nein. Der UBA-Leitfaden führt die Gesamtsporenzahl nach DIN ISO 16000-20 als anerkannte Regel der Technik, gibt ihr eine eigene Bewertungshilfe und nennt sie für die Kontrolle nach der Sanierung neben der Kultivierung als Option. Richtig ist: Ohne Kultur gibt es keine Artbestimmung und keine Aussage zur Lebensfähigkeit. Wer genau das braucht, braucht die Kultur.
Kann ich Sporen/m³ in KBE/m³ umrechnen?
Nein. Sporen/m³ liegen meist deutlich höher, weil nur ein Teil der Sporen auf dem Nährboden anwächst und Aggregate nur eine Kolonie bilden. Bewerten Sie jede Zahl innerhalb ihrer Methode – mit der Außenluftprobe derselben Methode und der passenden Bewertungshilfe des UBA-Leitfadens.
Warum berichtet das Labor Aspergillus und Penicillium zusammen?
Ihre Sporen sind klein, rund und unter dem Mikroskop nicht sicher zu unterscheiden. Die Bewertungshilfe des UBA-Leitfadens rechnet deshalb ebenfalls mit dem Typ Penicillium/Aspergillus. Kommt es auf die Art an – etwa Aspergillus versicolor als Feuchteindikator oder Aspergillus fumigatus bei gesundheitlichen Fragen –, ist die Kultivierung der richtige Weg.
Welche Methode ist im Gutachten oder vor Gericht anerkannt?
Beide, wenn sie genormt durchgeführt, dokumentiert und von einem qualifizierten Labor ausgewertet werden. Der UBA-Leitfaden empfiehlt Labore, die nach DIN EN ISO/IEC 17025 akkreditiert sind und an Ringversuchen teilnehmen, und erwartet vom Sachverständigen eine Untersuchungsstrategie, aus der hervorgeht, welche Aussagen die gewählte Methode erlaubt. Ob eine Messung im konkreten Verfahren ausreicht, klären Sachverständige und Anwälte im Einzelfall.
Zur Laboranalyse Pumpen & Zubehör
Geschrieben vom AirTrap-Team. Grundlagen: UBA-Leitfaden zur Vorbeugung, Erfassung und Sanierung von Schimmelbefall in Gebäuden (2017, aktualisiert 2024), DIN EN ISO 16000-19, DIN ISO 16000-17, DIN ISO 16000-20, VDI 4300 Blatt 10 (zurückgezogen), WTA-Merkblatt 4-12-21/D. Dieser Beitrag ist eine fachliche Orientierung und ersetzt nicht die Bewertung durch eine sachkundige Person.
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